Bruno Wanzenried, wo und wie sind Sie aufgewachsen?
Aufgewaschen bin ich zusammen mit meiner jüngeren Schwester in Schaffhausen in einem Quartier, wo es steil „obsi“ und mit dem Trottinett rassig runter ging! Meine Schwester war die Frechere von uns beiden, ich eher der Schüchterne. Dazumal hatten wir noch keine Zentralheizung in der Wohnung, was bedeutete, dass wir stets das Feuerholz zuerst in den Estrich und dann wieder in die Stube tragen mussten. Wir hatten zwei Stuben: eine für den Alltag und eine für Besucher. Zur Besucherstube hatte ich ein eher gespaltenes Verhältnis, da sie oft kalt war (lacht) und ich für mein Zimmer immer durch diese kalte Stube laufen musste.

Welches war Ihr Traumberuf als Bube?
Ich hatte lange keine klaren Wunschberufe oder Vorstellungen. Mein Cousin lernte Elektromechaniker und sagte mir, dass dieser Beruf sehr vielseitig sei. Das hatte mich angesprochen. Ich brauchte etwas Vielseitiges, z.B. das Schweissen gefiel mir sehr gut.

Was hat Sie in der Jugend am meisten geprägt?
Ich hatte ein relativ strenges Elternhaus, es wurde viel verlangt, und ich wollte den Anforderungen genügen. Es dauerte lange, bis ich das ablegen konnte und lernte, dass ich nicht immer allen gefallen muss. Von Natur aus schenkte ich allen Leuten viel Vertrauen und wurde dann auch mal enttäuscht. Heute bin ich etwas vorsichtiger. Vertrauen muss wachsen und ist dann etwas sehr Wertvolles.

Vor bald 26 Jahren haben Sie ein Reisebüro mit einem Outdoorgeschäft in Schaffhausen gegründet. Was war die Motivation dazu?
Das ist relativ schräg gelaufen (lacht)! Ich war auf Reisen und wollte eigentlich auch auswandern. Zwischendurch hatte ich temporär in einem Betrieb gearbeitet. Der Juniorchef in diesem Betrieb sass oft bei mir und wollte alles übers Reisen wissen und natürlich auch selber auf Reisen gehen. Das passte seinem Vater nicht, er wollte ihn unbedingt ans Technikum schicken. In Absprache mit meinem Chef hatte ich für zwei Monate einen Job bei der Schweizerischen Katastrophenhilfe in Angola angenommen, zu dieser Zeit tobte dort bereits der Bürgerkrieg. Kaum war ich weg wurde mir gekündigt. Darüber war ich sehr enttäuscht, obwohl es nicht mein Traumjob gewesen war. In Angola lernte ich dann „Katastrophen-René“ (Spitzname) kennen, welcher noch heute ein sehr guter Freund von mir ist. Er verbrachte viele Jahre für die Katastrophenhilfe in Krisengebieten. Man war aufeinander angewiesen, es wurde auch mal scharf geschossen. Wir hatten dort zusammen auf dem Bau gearbeitet, ich war für die elektrischen Installationen zuständig, er für den Rest. Eines Mittags sass ich mit Freund René auf einer Terrasse und sagte ihm, dass ich zu Hause keinen Job mehr hatte und eigentlich auch nicht mehr ein Angestellter sein wolle – lieber selbständig. Er empfahl mir, mich nach der Rückkehr bei seinem Freund Henry zu melden. Der habe ein Reisebüro und könne mir sicher helfen eines zu gründen. Gesagt getan! Henry hatte mir dann einen Tag Schulung im Reisebürogeschäft gegeben, wo man was einkauft, etc. Mit meinem Eigenkapital von Fr. 3’000.00 hatte ich dann ein Reisebüro in Schaffhausen eröffnet! Das war 1983. Anfangs war ich mit Vaters Schreibmaschine, einer alten Hermes Baby, alleine im Geschäft. Ich konnte gar nicht Schreibmaschinen schreiben. Meine Schwester schrieb mir oft die Rechnungen – sofern es Rechnungen zum Schreiben gab (lacht).

Wie hat sich das Business während diesen Jahren entwickelt?
Dies hat sich sehr verändert. Früher waren die Kunden zufrieden, wenn sie einen günstigen Flug (Graumarkttickets) fanden. 15 Jahre lang machte ich keine Werbung. Anfangs kam ein Bericht in der Regionalzeitung und alle waren froh, dass es ein Geschäft für Reisen und später auch mit Outdoor-Artikeln in der Nähe gab. Es wirkte die Mund-zu-Mund Werbung. Vom ersten Tag an lief es erstaunlich gut – fast ohne Infrastruktur aber natürlich mit hohem Zeitaufwand. Heute ist es ganz anders! Es herrscht ein Verdrängungsmarkt und Werbung ist sehr wichtig geworden. Die Infrastruktur muss stimmen, damit wir effizient arbeiten können und die Mitarbeiter sollten wenn möglich besser und sympathischer sein als die der Konkurrenz.

Welches sind die aktuellen Trendfarben im Outdoorbereich?
Die Farbpalette ist momentan sehr vielseitig, so ist es schwierig einzukaufen. Violett ist aktuell, aber auch wieder blau. Rot und schwarz sind immer klassisch. Schwarz ist die einfachste Farbe, es gibt kein falsches schwarz, aber ein falsches rot,….

Wie ist Ihre Personalstruktur?
Wir sind 7 Mitarbeitende, alle sind im 80 % Pensum angestellt. Ein gutes Arbeitsklima ist sehr wichtig, doch auch das Know-how muss stimmen, da bei uns alle an der Front arbeiten.

Auf was achten Sie bei der Personalselektion?
Einerseits kann ich auf die Erfahrung und auf das Bauchgefühl zählen – doch bei uns entscheidet auch das Team mit. Wir führen mindestens zwei Interviews, wo auch die Mitarbeitenden dabei sind. Jeder sieht etwas anderes und so erhalten wir ein umfassendes Bild des Bewerbers. Wir benutzen auch professionelle Hilfe, z. B. Personalberater oder Grafologen. Wir wissen, dass wir einen relativ „grossen Zirkus“ betreiben, doch es ist nichts teurer als eine falsche Personalentscheidung. Das wird immer wieder unterschätzt.

Bruno Wanzenried, wie gehen Sie mit schwierigen Kunden um?
Wichtig ist, dass sich der Kunde ernst genommen fühlt. Wenn der Verkäufer mit dem Kunden nicht mehr weiterkommt, ist es oft gut, wenn man den Chef holt. Das hilft fast immer. Das hilft sogar, wenn nicht der eigentliche Chef die Chefrolle übernimmt (lacht)! Doch glücklicherweise kommen Reklamationen bei uns selten vor. 

Sie sind ja auch ein Erfinder und Tüftler. Wie kommt es zu einer Erfindung?
Ich bin recht kritisch dem Material und den Produkten gegenüber. Wenn ich z.B. ein Produkt verkaufe, das ich nicht optimal finde, suche ich manchmal selber nach besseren Lösungen, z.B. ein leichteres Zelt, ein faltbarer Kocher, Schneeschuhe, mit denen man auch runter fahren kann (Snowtrekker), etc. Das Tüfteln hat mir schon immer Spass gemacht.

Auf welche Erfindung sind Sie besonders Stolz?
Ich hatte an allen Erfindungen Freude. Die Aktuelle war auch immer gleich die Spannendste. Am meisten verkauft hat sich der Snowtrekker (gedacht als Schneeschuh, aber es ist ein kurzer Tourenski geworden). Zuerst hatte ich die Snowtrekker selber montiert, einige Jahre hat sie dann Rossignol unter meiner Lizenz hergestellt.

Was können Sie einem jungen Menschen auf den Berufsweg geben?
Eine solide Ausbildung ist sehr wichtig. Er soll das machen, was er leidenschaftlich gern macht – dann kann es fast nur gut kommen. Es braucht aber auch Durchhaltewillen. Ich kenne viele, die etwas angefangen und dann wieder aufgegeben haben, weil eben die Leidenschaft, das innere Feuer, fehlte.

Sie haben schon viele Abenteuer erlebt – sind Sie auch schon an Grenzen gestossen?
Ja, das war vor vielen Jahren in Singapur. Im jugendlichen Leichtsinn waren wir als Gruppe mit einem Segelboot (8 Tonnen!) auf eine Insel hinausgefahren, um dort zu übernachten. Es stellte sich heraus, dass keiner von uns Erfahrung auf dem Meer hatte. Nachts kam ein Gewitter auf, der Anker hielt nicht. Es war ein ziemlicher Horror. Als es hell wurde konnten wir den Motor nicht starten, und wir mussten durch ein Riff und dann zurück in den Hafen segeln. Keiner von uns kannte die Seezeichen!! Mit Mühe und Not und mit vielen Schutzengeln (zwischen hupenden Tankern) hatten wir dann doch wieder irgendwie den Hafen erreicht und konnten dort ohne Motor anlegen. Als ich später die Theorieprüfung fürs Hochsee-Segeln absolvierte, griff ich mir oft an den Kopf! Heute bin ich viel vorsichtiger.

Ihr Beruf ist, die Leute an den richtigen Ort zu bringen respektive passend auszurüsten. Was machen Sie selber zum Ausgleich?
Zum Ausgleich mache ich gerne mal „nichts“ wie gemütlich am Strand liegen oder lesen. Aber es kann auch anders sein: z.B. im Winter mit Freund René im Schnee biwakieren oder im Sommer mit meiner Frau mit dem Weidling oder Kajak auf den Rhein gehen. Die Leistung ist mir nicht wichtig, ich will einfach die Landschaft geniessen und mich bewegen.

Bruno Wanzenried, ganz herzlichen Dank für das sehr interessante Gespräch.

 

Matthias Döll
Juni 2009